Das Leben ist keine Steuererklärung

„Was soll ich tun?“ fragt Frau S., als sie in mein Büro kommt. „Einige meiner Bekannten schenken noch heuer ihre Wohnungen und Häuser ihren Kindern und meinen, dass man das unbedingt tun muss, weil nächstes Jahr die Steuer so viel höher ist.“

Frau S. ist eine Geschäftsfrau, die sonst kaum etwas aus der Fassung bringt. Diesmal ist sie aber richtig aufgeregt. „Ich kann doch nicht mein Haus herschenken, nur, weil ich damit Steuer spare. Ich bin 52 Jahre alt und habe im Leben noch einiges vor. Das Haus ist mein Vermögen, meine Sicherheit, und zu wissen, dass ich von meiner Tochter abhängig bin, fühlt sich für mich gar nicht gut an“.

Was war passiert? Die Erhöhung der Grunderwerbsteuer mit 1. Jänner 2016 hatte dazu geführt, dass im Jahr 2015 Immobilien vielfach „aus steuerlichen Gründen“ an Kinder verschenkt wurden. Ein guter Grund. Ein wirtschaftlich kluger Grund. Aber auch eine gute Entscheidung?

Frau S. will wissen, wieso sie diese Situation belastet. „Und ich will eine gute Entscheidung treffen“, sagt sie.

Um welche Kosten geht es hier? Das lässt sich errechnen. Beim Haus von Frau S. steht einer Steuer von EUR 4.200 im Jahr 2015 eine zukünftige Steuer von EUR 18.250 gegenüber. Zusätzliche Kosten also von EUR 14.050. Geld, viel Geld; aber genug, um etwas zu tun, was man eigentlich nicht tun möchte?

Hier kommt die Affektbilanz zum Einsatz. Diese soll Frau S. helfen zu klären, welche Gefühle im Spiel sind und welche Entscheidung für sie eine gute ist. Eine Affektbilanz zum Thema: „Ich verschenke mein Haus an meine Tochter.“

Affektbilanz, Schritt 1

Affektbilanz, Schritt 1

Die erste Frage an Frau S. lautet: „Wie stark ist Ihr positives Gefühl auf der einen Seite bzw. Ihr negatives Gefühl auf der anderen Seite bei dem Gedanken, Ihr Haus an Ihre Tochter zu verschenken?“

In Abbildung 1 trägt Frau S. die Stärke des positiven Gefühls auf der rechten Skala, die Stärke des negativen Gefühls auf der linken Skala ein. 0 bedeutet dabei „nicht vorhanden“ und 100 „sehr stark“. Diese Bewertung sollte schnell erfolgen, damit es eine Gefühlsbewertung ist. Ein Nachdenken würde die Gefühle mit dem Verstand bewerten, etwas, das erst im nächsten Schritt folgt.

Frau S. zeichnet ein starkes negatives und ein schwaches positives Gefühl ein. Das überrascht sie selbst: „Es war mir nicht klar, dass es da auch ein gutes Gefühl gibt.“

Dann wertet Frau S. ihre Affektbilanz in einem zweiten Schritt aus (Abbildung 2), indem sie den Wert, den sie angezeichnet hat, beziffert. Sie stellt den Wert auf der positiven Skala mit 20 und auf der negativen Skala mit 90 fest.

Affektbilanz, Schritt 2

Affektbilanz, Schritt 2

Das negative Gefühl benennt sie mit dem „Verlust finanzieller Selbständigkeit“. Diese von ihr stark gefühlte Tatsache, nicht mehr über ihr eigenes Vermögen verfügen zu können, löst in Frau S. Angst und Beklemmung und somit ein starkes unangenehmes Gefühl aus.

Und trotzdem ist da auch ein freudiger Gedanke: „Ich schenke gerne“, sagt Frau S. und ist erleichtert. „Ja, ich schenke gern. Aber eben dann, wenn es für mich passt und ich bereit bin.“

Bevor sich Frau S. entscheidet, möchte sie noch wissen, wie ihre Affektbilanz zum Thema „Ich behalte mein Haus“ ausschaut. Dafür trägt sie in Abbildung 3 die Stärke ihres positiven Gefühls auf der rechten Skala, die Stärke ihres negativen Gefühls auf der linken Skala ein. Und wieder macht sie diese Bewertungen schnell, damit ihre Gefühlsbewertung nicht zu stark durch Nachdenken beeinflusst wird.

Jetzt hat Frau S. ein starkes positives Gefühl eingezeichnet. Und das positive Gefühl ist auf 90 und heißt „Ich genieße mein Haus.“ Und da ist noch ein schwaches negatives Gefühl: „Weil der Gedanke, dass ich meiner Tochter gar nichts schenke, sich auch nicht gut anfühlt. Ich überlege mir einfach etwas, was ich ihr jetzt schon schenken kann und womit sie eine Freude hat.“

Affektbilanz, Schritt 3

Affektbilanz, Schritt 3

Frau S. hat sich entschieden, ihr Haus noch nicht zu verschenken. Für sie ist es eine gute Entscheidung und die Klarheit darüber, was ihr dabei wichtig ist, beruhigt sie sehr. „Wir werden uns wegen des Hauses nicht streiten. Und vielleicht sparen wir dadurch sogar viel Geld.“

Gedanken zum Schenken

Schenken bezeichnet der deutsche Soziologe Gerhard Schmied als „soziales Handeln vom Feinsten“.

Im Fall von Frau S. handelt es sich aber nicht um Schenken, also Handeln vom Feinsten, sondern um eine steuerliche Konstruktion. Dabei gibt es zwei sehr unterschiedliche Blickwinkel: Den der Geschenkgeberin, die nur „als ob“ schenkt. Und den der Beschenkten, in der das schöne Gefühl, beschenkt worden zu sein, im Widerstreit mit dem Verstand steht, der weiß, dass es nicht stimmt. Eine kognitive Dissonanz, die belasten kann: sowohl die Tochter, als auch die Beziehung zwischen Mutter und Tochter. Diese Belastungen sind als Kosten in die Entscheidung einzubeziehen, um eine wirtschaftlich gute Entscheidung treffen zu können.

Und auf das Schenken von Herzen sollte nicht vergessen werden. Oder soll Ihre Tochter Sie als die Mutter in Erinnerung behalten, die große Geschenke nur dann gemacht hat, wenn sie davon einen Steuervorteil hatte?

Links

Affektbilanz als Formular zum Selbstausfüllen: Affektbilanz