Gut entscheiden

Soll ich – oder soll ich nicht?

Diese Frage stellt man sich das erste Mal in der Früh, wenn der Wecker läutet. Zuerst Kaffee oder zuerst ins Bad? Brot oder Müsli? Warme oder dünne Jacke? Dann weiter: Gehe ich zu Fuß oder nehme ich das Auto?

Würden wir bei jeder Entscheidung abwägen und nachdenken, kämen wir in der Früh nicht einmal aus dem Bett. Also treffen wir die kleinen täglichen Entscheidungen praktisch unbewusst.

Dann gibt es aber noch die richtig wichtigen Entscheidungen. Das sind im Wesentlichen Entscheidungen, mit denen wir Beziehungen zu anderen Menschen gestalten, und Entscheidungen, bei denen es um die Durchsetzung von Vermögensansprüchen geht. Für die müssen wir uns – im Sinne eines gelungenen Lebens – Zeit nehmen. Argumente sammeln. FreundInnen fragen. Expertenrat einholen.

Und dann haben wir entweder ein gutes Gefühl und können entscheiden. Oder wir merken, dass wir „Bauchweh“ haben, uns noch nicht sicher sind und daher nicht entscheiden können.

In so einer Situation kam Frau K. in meine Kanzlei. Es ging um die Aufteilung des Erbes zwischen ihr und den beiden Geschwistern. Es war ihr klar, dass das Haus der Großeltern in Niederösterreich verkauft werden musste. Und irgendwie war sie ja dazu bereit. Aber da war noch ein recht starkes unbestimmtes, negatives Gefühl, das sie nicht ignorieren wollte, ja konnte. „Das belastet mich sehr. Ich kann nicht gegen mein Gefühl handeln“, sagte sie.

Abbildung 1: Affektbilanz, Schritt 1

Abbildung 1: Affektbilanz, Schritt 1

Hier kann die Affektbilanz helfen. Man zerlegt damit das diffuse Gefühl in seine Bestandteile, schafft Klarheit für die Situation und das weitere Vorgehen. Die Frage an Frau K. lautete: „Wie stark ist Ihr positives bzw. negatives Gefühl bei dem Gedanken, dass das Haus Ihrer Großeltern verkauft wird?“

In Schritt 1 trug sie die Stärke des positiven Gefühls auf der rechten Skala, die Stärke des negativen Gefühls auf der linken Skala ein. 0 bedeutet dabei „nicht vorhanden“ und 100 „ganz stark“. Wichtig ist, dass dieses Eintragen schnell, ohne nachzudenken, erfolgt, damit sich das Gefühl ausdrücken kann und der Verstand draußen bleibt.

Der wissenschaftliche Hintergrund

Der wissenschaftliche Hintergrund dazu: Negative Gefühle sind nicht das Gegenteil von positiven Gefühlen. Negative und positive Gefühle entstehen in zwei unterschiedlichen „Schaltkreisen“ im Gehirn und lassen sich daher gut getrennt erkennen und bearbeiten.

Affektbilanz, Schritt 2

Affektbilanz, Schritt 2

Frau K. ist erstaunt, dass ihr positives Gefühl so stark ist. Nun kommt der nächste Schritt: Frau K. soll den Wert auf der Skala schätzen. Das positive Gefühl sieht sie bei 70, das negative bei 50. Das positive Gefühl kommt aus der Erleichterung darüber, dass mit dem Verkauf des Hauses die belastende Situation für Frau K. beendet wäre. Das beschreibt sie mit „Es ist erledigt“.

Das negative Gefühl ist da, weil der Verkauf für Frau K. einen „endgültigen Abschied“, nicht nur vom Haus, sondern auch von der Zeit, die sie dort verbracht hat, darstellen würde. Die Bewertung sowie die Benennung der Gefühle durch Frau K. ist in Abbildung 2 dargestellt.

Wissenschaftlich ist davon auszugehen, dass eine Situation, bei der das positive Gefühl zumindest bei 70, das negative Gefühl aber bei 50 liegt, noch keine befriedigende Entscheidung für die Betreffende ermöglicht. Also ist es gut, vorerst einmal nicht zu entscheiden und sich zu überlegen, was helfen kann, das negative Gefühl zu vermindern.

Frau K. meint, dass sie jetzt mehr Klarheit darüber hat, was sie an der Situation so belastet und sich noch einmal mit ihrem Mann und einer Freundin besprechen will.

Eine Woche später ruft Frau K. an. Das Bewertungsgutachten hat ergeben, dass der Grund, auf dem das Haus steht, aus zwei Parzellen besteht. Sie kann also trotz des Verkaufs des Hauses einen Teil des Grundstücks behalten. „Es hat mir sehr geholfen zu erkennen, dass da ein starkes positives Gefühl ist für den Hausverkauf, um die Aufteilung endlich abschließen zu können. Und gleichzeitig ein Schmerz, der es mir schwermacht, ganz loszulassen. Dadurch war mir, als ich von der zweiten Parzelle erfahren habe, sofort klar, dass ich diese behalten möchte. Jetzt hab‘ ich ein richtig gutes Gefühl“.

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